Philosophische Gedanken über das Wunder der Geburt
Die Geburt ist Teil des Lebens und dennoch jedes Mal einzigartig
Dass unser Leben auf der Welt mit der Geburt beginnt, ist wohl eine Grundeinsicht in die Bedingungen menschlichen Lebens und diese Feststellung allein dürfte wohl kaum für Verwunderung sorgen. Doch so klar wir mit diesem Fakt vertraut sind, so erstaunlicher ist es, die einzigartige Wirkung zu erleben, die das Geborenwerden jedes Mal mit sich bringt. Immer wieder ist es ein
kleines großes Wunder, das so vieles bedeutet. Das mit Gefühlen, Unsicherheiten und konkreten Veränderungen verbunden ist, das kaum zu greifen und zu beschreiben ist. Diese kleinen staunenden Augen, die uns plötzlich erblicken - das neue Zentrum, um das sich nun die Familie anfängt zu sortieren - der Anfang, der gemacht ist und von nun an weiter seinen Lauf nehmen wird. All das kann uns ins Staunen bringen und das Staunen bildet oftmals den Auftakt des Philosophierens, wie es bereits auf Platon zurückgeht:
„Denn gar sehr ist dies der Zustand eines Freundes der Weisheit, die Verwunderung [τὸ θαυμάζειν]; ja es gibt keinen anderen Anfang der Philosophie als diesen, [...].“ (Platon)
Umso erstaunlicher ist es, dass in der über 2500 Jahre dauernden abendländischen Geschichte der Philosophie verhältnisweise selten über die Geburt philosophisch nachgedacht wurde. Zwar gibt es sogar eine philosophische Methode, das sokratische Gespräch, welche einen sachlichen Zusammenhang zur Geburt zeigt. Denn Sokrates hat sein Vorgehen, durch offenes Fragen und gemeinsames Erörtern das Gegenüber zur Einsicht zu begleiten, mit dem Handwerk der Hebammen verglichen:
„Ja auch hierin geht es mir eben wie den Hebammen, ich gebäre nichts von Weisheit, und was mir bereits viele vorgeworfen, daß ich andere zwar fragte, selbst aber nichts Kluges wüßte zu antworten, darin haben sie recht. Die Ursach davon aber ist diese, Geburtshilfe leisten nötiget mich der Gott, erzeugen aber hat er mich gewehrt.“ (Platon)
Aber die Geburt bildet hier lediglich den Vergleichspunkt für das philosophische Bemühen um Weisheit und steht gar nicht selbst als Phänomen im Mittelpunkt. Dennoch kann die Stelle auf eine Besonderheit der Geburt aufmerksam machen: Die Grenze der möglichen Einflussnahme. Natürlich gibt es Dinge, die in unserer Hand liegen, aber insgesamt ist es ein großes Überraschungspaket. Dieser neue Anfang, der mit dem kleinen Menschen auf die Welt kommt, entzieht sich Planung und Kontrolle, hat eine eigene Dynamik und Kraft.
Die zeitgenössische Philosophin Barbara Bleisch versteht Geburt und Elternschaft deswegen als eine „Erfahrung des radikal Unverfügbaren“, die im eklatanten Widerspruch zu dem allgegenwärtigen Bemühen unserer Gesellschaft stehe, Risiken zu vermeiden und zu kontrollieren: Als Eltern könnten wir niemals sicher sein, wie es unserem Kind „nachher in seinem Leben ergehen wird, obwohl wir radikal für dieses Kind verantwortlich sind.“
Auch die Denkerin Hannah Arendt erkannte einen strukturellen Zusammenhang zwischen dem Geborenwerden und der wohl umstrittensten und uneindeutigsten menschlichen Gabe: der Freiheit. Während etwa noch ihr Lehrer Martin Heidegger im Rückgriff auf die philosophische Tradition das menschliche Dasein in Hinblick auf den Tod beschreibt, fokussiert sie die Geburt als zentrales Grenzerlebnis menschlicher Existenz. Sie prägt dafür auch einen eigenen Terminus, die Natalität. Ihre Briefe und Notizbücher verraten, dass ihr vielleicht 1952 bei einer Aufführung von Händels Messias-Oratorium, die dafür zündende Idee kam, die Geburt als metaphysisch produktiven Begriff für eine Theorie politischen Handelns aufzufassen. Im Anschluss an das Konzert schreibt sie an ihren Ehemann Heinrich Blücher:
„Und was für ein Werk. […] Das Halleluja liegt mir noch im Ohr und in den Gliedern. Mir wurde zum ersten Mal klar, wie großartig das: Es ist uns ein Kind geboren, ist. Das Christentum war doch nicht so ohne. Die tiefe Wahrheit dieses Teils der Christuslegende: Aller Anfang ist heil.“ (H. Arendt/ H. Blücher, Briefe 1936-1968)
Arendt schreibt in ihrem Denktagebuch das Halleluja – das Loben, Preisen und die Freude, sei „nur zu verstehen aus dem Text: Es ist uns ein Kind geboren.“ Sie hebt beides hervor: Die Idee des Christentums, die Geburt eines Kindes zum Eckpfeiler des Glaubens an eine mögliche Rettung der Welt zu knüpfen: Also auf die Geburt als Verheißung hinzuweisen und Händels künstlerisches Genie, allein mit Mitteln der Kunst die Bedeutung der Geburt auszudrücken: „dass man in der Welt vertrauen haben und dass man für die Welt hoffen darf“ (vgl. Bérénice Levet, Die Geburt als philosophische Idee). Arendt nutzt die Bedeutung der Geburt als Anfang für ihre Handlungstheorie und macht hierbei auf etwas aufmerksam, das inbesondere politische Bedeutung hat:
„Weil jeder Mensch aufgrund des Geborenseins ein initium ist, ein Anfang und Neuankömmling in der Welt ist, können Menschen Initiative ergreifen, Anfänger werden und Neues in Bewegung setzen.“ (Hannah Arendt)
In ihrem Buch Vita activa oder Vom tätigen Leben findet sie dafür eine eindrückliche Metapher und spricht vom menschlichen Bezugsgewebe, in das wir durch unser Sprechen und Handeln einen neuen Faden schlagen können. Dieses Bezugsgewebe ist bereits da, bevor wir mit dem Handeln beginnen und es wird uns auch überdauern. Es liegt auch nicht in unserer Hand, wie dieser Faden weitergesponnen wird, aber durch die prinzipielle Freiheit, die uns als geborenen Wesen zukommt, können wir immer wieder neu beginnen. Wie in der Geburt das Geborene auf Vater und Mutter trifft, trifft der Handelnde auf das gegenwärtige Bezugsgewebe menschlicher Interessen, einen Schatz von Geschichte, Geschichten und Sprachen, in denen sie sich artikulieren (vgl. Heide Volkening 2014).
Darauf kann uns die
Geburt als philosophische Idee aufmerksam machen. Sie erinnert uns an das Wagnis des Handelns und an unsere Verantwortung für die Mitwelt, sie lässt uns fürchten und hoffen. Mit der Aussicht auf Wunder in der Welt vermag sie uns zu ermutigen, und mit wachem und starkem Blick, wie die kleinen Neuankömmlinge, einen Anfang zu machen, für Geschichten, deren Ende wir zwar nicht absehen können, aber die es schaffen könnten, Hoffnung zu geben und den Blick auf die Möglichkeiten zu lenken. Die Geburt als philosophische Idee kann uns auffordern: Habe Mut, ein Anfang zu sein!
Auf die Geburt eines Kindes
Wie wird des Himmels Vater schauen
Mit Freude das erwachsne Kind,
Gehend auf blumenreichen Auen,
Mit andern, welche lieb ihm sind.
Indessen freue dich des Lebens,
Aus einer guten Seele kommt
Die Schönheit herrlichen Bestrebens,
Göttlicher Grund dir mehr noch frommt.
(Friedrich Hölderlin)


